Ataxie - Rumpftraining und Multitask im Alltagssetting
Veröffentlicht von Andreas Schedl in Therapie · Freitag 28 Nov 2025 · 5:00
Tags: Ataxie, Rumpftraining, Multitask, Alltagssetting, Rehabilitation, Bewegungstherapie, Gleichgewicht, Koordination, Alltag, Therapie
Tags: Ataxie, Rumpftraining, Multitask, Alltagssetting, Rehabilitation, Bewegungstherapie, Gleichgewicht, Koordination, Alltag, Therapie
Wer mit ataktischen Patienten arbeitet, kennt die therapeutische Herausforderung. Koordinationsstörungen, Standunsicherheit und eingeschränkte Zielmotorik erschweren nicht nur den Alltag unserer Patienten, sie verlangen uns auch viel Kreativität und individuelle Zielsetzung und deren Umsetzung ab, um möglichst nahe an den Alltagszielen der Patienten zu arbeiten.






Gerade im Stand zeigt sich, wie entscheidend eine gute Rumpfstabilisation für jede Form von Gleichgewicht, Orientierung und zielgerichteter Bewegung ist. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der Rumpf bei Ataxie deutlich verzögert, überschießend oder unzureichend stabilisierend reagiert. Das führt zu vergrößertem Body Sway, erhöhtem Korrekturbedarf und inadäquaten Nutzung von posturaler Strategien.
Besonders bei Alltagszielen mit Reich und Greifbewegungen, wie das Heben von Gegenständen, Aufräumen von z.B. einer Geschirrspülmaschine oder der Einkäufe können die Patienten vor eine Herausforderung stellen. Die aktive Rumpfkontrolle im Stand mit Dual-Task-Elementen und funktioneller Reich- und Greifmotorik in der Therapie zu kombinieren, kann hier ein Nützliches Setting sein, um genau das mit den Patienten zu üben.
In diesem Artikel bekommst du praxiserprobte Übungen, die du selbst direkt umsetzen kannst.
Beginnend im Stand wird zunächst ein einfacheres Setting gewählt um das Stehen an sich schon als Herausforderung zu nehmen.

Die Patientin steht vor einer Box, erhöht auf einer Behandlungsliege, um so eine höhere Position einnehmen zu können. Die Box (alternativ ein Hocker, Ball, Pezziball o.ä.) kann so weit zu Kante platziert werden, so dass Druck aufgebracht werden kann, aber nicht zum „Abstützen“ verwendet werden kann.
In dieser Ausgangsstellung kann man die Herausforderung sehr leicht steigern, durch eine variable Fußstellung in Tandemstand oder vorgegebenen Schrittfolgen. Auch die Handhaltung kann hier variiert werden, um mehr Instabilität zu erzeugen und somit dann mehr Rumpfkontrolle zu fordern.
Auch Kognitive Zusatzaufgaben, wie das Rückwärtszählen oder eine Kopfbewegung kann eine weitere Herausforderung darstellen.
Ein ähnlicher Aufbau mit zusätzlich veränderter Unterstützungsfläche (hier ein Bosu) wird hier genutzt.

Die Patientin steht vor 2 Boxen und muss im ersten Schritt diese Position halten. Weitere Zusatzaufgaben wären hier: Das rollen eines Balles von links nach rechts, mit und ohne Handkontakt. Auch hier können weitere Kognitive oder Motorische Zusatzaufgaben mehr Rumpfstabilität fordern und dieses Steigern. Die höchste-mögliche Position sollte hier so gewählt werden, dass die Patientin die gestellte Aufgabe noch gut durchführen kann.
Im nächsten Setting wird die Sprossenwand mit genutzt. Hier steht die Patientin seitlich zur Sprossenwand

und hat links nur die Möglichkeit einer variablen Haltemöglichkeit auf 2 Bällen. So wird die Unterstützungsfläche zwar vergrößert. Da diese aber variabel ist und nicht stetig die gleiche Rückmeldung gibt, wird das stabile Stehen erschwert und mehr Rumpfkontrolle gefordert. Dieser Aufbau eignet sich auch gut, um bereits beginnende Gangphasen zu trainieren oder diese zu explizit zu beüben. Variable Beinstellungen, Gewichtsmanschetten oder Bänder ermöglichen gleichzeitig eine Kräftigung der unteren Extremität.
„Twister mal anders“
Zur Steigerung der Koordinativen Fähigkeiten der unteren Extremtäten im Stand steht die Patienten im angelehnten Stand an einer Box.

Vor Ihr sind 4 Ziele platziert, auf welche sie nach verbaler Anweisung, jeweils ein Bein stellen und dann diese Position halten muss. Alternativ können auch kleine Papiermarkierungen oder Klebestreifen (für Hausbesuche) genutzt werden. Wichtig ist hier eine konkrete Zielvorgabe.
Um die Verbindung vom „reinem Rumpftraining“ zum Multimodalen Alltagstraining zu schaffen gibt es bei diesem Setting mehrere Anforderungen auf einmal.

Die Patienten hat hier die Aufgabe im Stand die Scheiben über Kreuz im Spitzgriff auf die gegenüberliegende Seite zu platzieren. Dies fordert nicht nur einen Stabilen Stand, sondern gleichzeig auch eine gute Hand-Auge- Koordination, eine aktive Rumpfrotation sowie Kopfdrehung zum Ziel hin. Dadurch rückt die geforderte Rumpfkontrolle in den Hintergrund.
Durch die Variation der Abstände der Ziele sowie durch ein Gummiband an den Armen können weitere Elemente hinzugefügt werden und der Schweregrad erhöht werden. Alternativ kann auch hier die Unterstützungsfläche der Beine variiert werden, um mehr Anspruch zu bekommen.
Das gesetzte ADL Ziel „Geschirr aufräumen“ wird hier in diesem Setting umgesetzt.

Der Aufbau hat das Ziel, die Bälle (als Imitation von Tassen und Geschirr) von verschiedenen Ebenen im Stand gezielt zu greifen und auf ein neues Ziel zu stellen. Die Höhe des Aufbaus wird nach und nach von niedrig zu hoch aufgebaut, um den Schweregrad zu erhöhen und um eine Alltagsnahe Höhe eines Schrankes zu erreichen. Im Hausbesuch kann dies direkt umgesetzt werden.
Gezieltes Rumpftraining im Stand, kombiniert mit Dual-Task und Multitaskaufgaben und funktionellen Reich- und Greifbewegungen gehört wirksamsten Strategien in der neurologischen Therapie bei Ataxie. Wenn wir variable Settings mit dem Ziel der Stabilität wählen, geben wir unseren Patienten nicht nur mehr Kontrolle über ihre Bewegungen zurück, sondern eröffnen ihnen spürbar mehr Sicherheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alltag.
Literatur:
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