Hemiplegische Schulterschmerzen nach Schlaganfall: narrative Übersichtsarbeit zu Epidemiologie, Mechanismen, Diagnostik und Therapie
Veröffentlicht von Jacques van der Meer in Neuroprävention · Dienstag 14 Jul 2026 · 15 Minuten
Tags: Hemiplegie, Schulterschmerzen, Schlaganfall, Epidemiologie, Mechanismen, Diagnostik, Therapie, obere, Extremität
Tags: Hemiplegie, Schulterschmerzen, Schlaganfall, Epidemiologie, Mechanismen, Diagnostik, Therapie, obere, Extremität
Hemiplegische Schulterschmerzen nach Schlaganfall: narrative
Übersichtsarbeit zu Epidemiologie, Mechanismen, Diagnostik und Therapie
Hemiplegische Schulterschmerzen (HSS) zählen zu den häufigsten und klinisch folgenreichsten Komplikationen nach Schlaganfall. Sie sind mit Beeinträchtigungen von Schlaf, Aktivität, Partizipation und Rehabilitationsverlauf assoziiert und gehen häufig mit ungünstigeren funktionellen Ergebnissen der oberen Extremität einher [1, 2]. HSS sind kein homogenes Krankheitsbild, sondern ein multifaktorielles Syndrom, in dem biomechanische, neuromuskuläre, nozizeptive und neuropathische Mechanismen in unterschiedlicher Gewichtung zusammenwirken. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines strukturierten, interdisziplinären und mechanismenorientierten Vorgehens in Prävention, Diagnostik und Therapie [3, 4].
Der vorliegende Beitrag synthetisiert den aktuellen Kenntnisstand zu HSS auf Grundlage jüngerer Leitlinien, systematischer Reviews und neuerer Primärstudien. Im Fokus stehen Epidemiologie, Risikofaktoren, Differenzialdiagnostik, kinematische und neuromuskuläre Zusammenhänge, therapeutische Optionen sowie klinisch relevante Schlussfolgerungen für ein evidenzbasiertes Management [4–6].
Abstract.
Hintergrund: Hemiplegische Schulterschmerzen (HSS) stellen eine häufige und klinisch bedeutsame Komplikation nach Schlaganfall dar und sind mit funktionellen Einschränkungen, verminderter Partizipation und ungünstigeren Rehabilitationsverläufen assoziiert [1–4].
Zielsetzung: Ziel dieser narrativen Übersichtsarbeit ist die strukturierte Synthese aktueller Evidenz zu Epidemiologie, Risikofaktoren, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie von HSS.
Inhalt: Die verfügbare Literatur spricht für ein multifaktorielles Verständnis von HSS, in dem biomechanische, neuromuskuläre, nozizeptive und neuropathische Mechanismen miteinander interagieren [2–5, 8]. Epidemiologische Daten weisen auf eine substanzielle Krankheitslast hin; die Prävalenz kann insbesondere in den ersten Wochen und Monaten nach dem Schlaganfall zunehmen [1, 7]. Für Diagnostik und Therapie erscheint ein multimodales, mechanismenorientiertes Vorgehen am plausibelsten, das Schmerzcharakter, Beweglichkeit, Subluxation, Spastik, Funktion und psychosoziale Einflussfaktoren integriert [3–6]. Hinweise auf einen Nutzen bestehen insbesondere für individualisierte Rehabilitationsprogramme sowie für ausgewählte injektionsbasierte oder neuromodulatorische Verfahren bei klarer Indikationsstellung [8, 11].
Schlussfolgerung: HSS erfordern ein interdisziplinäres, longitudinales und individualisiertes Management. Künftige Forschung sollte standardisierte Definitions- und Assessmentansätze sowie differenziertere klinische Phänotypisierungen entwickeln, um die therapeutische Entscheidungsfindung weiter zu präzisieren [5].
Schmerzen nach Schlaganfall sind mit Schlafstörungen, Fatigue, Angst, depressiven Symptomen, verminderter Therapieadhärenz und eingeschränkter funktioneller Erholung assoziiert. Insbesondere Schulterschmerzen reduzieren häufig die Nutzung des betroffenen Arms, erschweren Transfers und Lagerung und können zu Schonverhalten, sekundären Weichteilschäden sowie chronischen Schmerzverläufen beitragen [2,3]. Vor diesem Hintergrund ist eine frühe Identifikation klinisch hochrelevant.
Zu den in der Literatur am häufigsten beschriebenen Risikofaktoren für HSS zählen höheres Alter, schwerere neurologische Defizite, sensible Störungen, eingeschränkte aktive Motorik, erhöhter Muskeltonus beziehungsweise Spastik, reduzierte Schulterbeweglichkeit, Neglect-Symptomatik sowie vorbestehende Schulterpathologien [1, 7, 9]. Neuere longitudinale Daten legen nahe, dass insbesondere die Schwere des Schlaganfalls und frühe funktionelle Einschränkungen die spätere Entwicklung von HSS mitbestimmen [7].
Für Diagnostik und Prävention ist die Analyse des auslösenden Kontextes zentral. HSS entstehen häufig im Zusammenhang mit Transfers, Mobilisation, Aktivitäten des täglichen Lebens, ungünstiger Lagerung, inadäquater Armführung oder Zugbelastungen am paretischen Arm. Auch wiederholte Mikrotraumen, schmerzhafte passive Bewegungen oder unzureichend angeleitete Übungsprogramme können pathogenetisch relevant sein. Eine konsequente Schulung von Behandelnden, Pflege, Angehörigen sowie Patientinnen und Patienten zur atraumatischen Handhabung des Armes stellt daher ein Kernelement der Prävention dar [3,4,6].
Klinisch ist die Differenzierung zwischen nozizeptiven, neuropathischen und gemischten Schmerzmechanismen essenziell. Zusätzlich sind ein komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS), spastikassoziierte Schmerzen, Schulter-Subluxation, kapsuläre Bewegungseinschränkungen und lokale Weichteilpathologien zu berücksichtigen. Gerade die Überlagerung unterschiedlicher Mechanismen erklärt, weshalb standardisierte Einzelfalllösungen häufig unzureichend bleiben und eine individualisierte Befunderhebung erforderlich ist [2–5, 8].
Epidemiologie
Die berichteten Häufigkeiten von HSS variieren erheblich, was primär auf Unterschiede in Falldefinition, Beobachtungszeitraum, Setting und klinischer Charakterisierung zurückzuführen ist. In einer systematischen Übersichtsarbeit wurden Inzidenzraten von etwa 10 bis 22 % sowie Prävalenzraten zwischen 22 und 47 % beschrieben [1]. Neuere Beobachtungsdaten bestätigen, dass HSS sowohl in der subakuten als auch in der chronischen Phase nach Schlaganfall eine substanzielle Krankheitslast verursacht [9].
Zentrale neuropathische Schmerzen nach Schlaganfall stellen eine eigenständige diagnostische Kategorie dar und können isoliert oder gemeinsam mit peripher-nozizeptiven Schulterbeschwerden auftreten. Klinisch relevant ist insbesondere, dass der Beginn verzögert sein kann und dass Phänomene wie Allodynie, Dysästhesie und veränderte Schmerzverarbeitung gezielt erfragt werden sollten [2,8]. Für die differenzialdiagnostische Einordnung ist daher eine präzise phänotypische Zuordnung des Schmerzes erforderlich.
Longitudinale Untersuchungen zeigen, dass HSS häufig nicht unmittelbar nach dem Schlaganfall ihren höchsten Ausprägungsgrad erreicht, sondern sich im Verlauf der ersten Wochen und Monate entwickelt oder verstärkt. In einer prospektiven Studie mit klinischer und sonografischer Verlaufsbeobachtung stieg die Prävalenz von 11 % innerhalb der ersten 72 Stunden auf 32 % nach einem Monat und 57 % nach drei Monaten an [7]. Diese Dynamik spricht für wiederholte Re-Assessments und gegen eine rein einmalige Eingangsbefundung.
Klinischer Verlauf und Schmerzcharakteristik
Die Schmerzintensität bei HSS ist häufig klinisch relevant und kann über längere Zeit persistieren. Prospektive Verlaufsdaten und Übersichtsarbeiten deuten darauf hin, dass mittelstarke bis starke Beschwerden auch Monate nach dem initialen Ereignis fortbestehen können [1,2,9]. HSS sollten daher nicht als bloßes Begleitphänomen, sondern als eigenständiger prognostischer Faktor im Rehabilitationsverlauf betrachtet werden.
Frühe Erhebungen weisen darauf hin, dass der Anteil betroffener Patientinnen und Patienten bereits in den ersten Wochen nach Schlaganfall zunimmt [1,7]. Damit sind HSS nicht ausschließlich als Spätkomplikation zu verstehen, sondern bereits in Akutversorgung und Frührehabilitation ein relevantes Managementthema.
Klinisch bedeutsam ist die Differenzierung zwischen Ruheschmerz und bewegungsabhängigem Schmerz. HSS manifestieren sich häufig insbesondere bei passiver oder aktiver Schulterbewegung, während ein ausgeprägter Ruheschmerz eher auf entzündliche Prozesse, CRPS oder neuropathische Mechanismen hinweisen kann [2,8]. Die getrennte Dokumentation dieser Schmerzmuster erleichtert die therapeutische Steuerung und die Verlaufskontrolle.
Pathophysiologie
Die Pathophysiologie von HSS ist multifaktoriell. Zentralnervöse Mechanismen umfassen insbesondere zentrale neuropathische Schmerzen und Prozesse zentraler Sensitivierung, während periphere beziehungsweise biomechanische Mechanismen unter anderem Subluxation, veränderte Scapula- und Glenohumeralstellung, gestörte Bewegungskontrolle, Muskelparese, Spastik und sekundäre Weichteilveränderungen einschließen [2, 3, 8]. In der klinischen Realität liegt meist ein Mischbild vor, das eine eindimensionale Ursachenzuschreibung erschwert.
Nozizeptive Schmerzen entstehen typischerweise infolge lokaler Gewebeüberlastung, Fehlstellung, kapsulärer oder tendinöser Beteiligung, Bursitis, Tendinopathie oder traumatischer Schädigung. Zugleich können Immobilität, reduzierte aktive Nutzung und persistierende Fehlbelastung zu weiterer Steifigkeit, Kontrakturbildung und Schmerzchronifizierung beitragen [1–4]. CRPS ist als eigenständige, aber überlappende Entität zu berücksichtigen, insbesondere bei disproportionalen Schmerzen, vegetativen Veränderungen und ausgeprägter Bewegungseinschränkung [2].
Differenzialdiagnostik
Differenzialdiagnostisch sind unter anderem Rotatorenmanschettenläsionen, Tendinopathien der langen Bizepssehne, Bursitiden, adhäsive Kapsulitis, Traktionsschäden des Plexus brachialis, Schulter-Subluxation, spastikassoziierte Schmerzen, CRPS und zentrale neuropathische Schmerzen zu berücksichtigen [2–5, 8]. Da zahlreiche klinische Schultertests unter den Bedingungen einer hemiparetischen Fehlstellung nur eingeschränkt interpretierbar sind, sollte der Befund stets im Kontext von Haltung, Muskeltonus, passiver und aktiver Beweglichkeit, Schmerzprovokation und Funktion bewertet werden.
Bildgebung kann die klinische Einschätzung sinnvoll ergänzen. Im rehabilitativen Kontext ist die Sonografie aufgrund ihrer Verfügbarkeit, Dynamik und Wiederholbarkeit besonders praktikabel; eine MRT ist vor allem dann indiziert, wenn komplexe strukturelle Pathologien vermutet werden oder sonografische Befunde keine hinreichende diagnostische Klarheit erzeugen [5,7].
Systematische Übersichten zu Ultraschallbefunden beschreiben bei hemiplegischen Schultern gehäuft Auffälligkeiten an der langen Bizepssehne, der Supraspinatussehne, der subdeltoiden Bursa sowie Zeichen einer Subluxation [1,5]. Neuere longitudinale Daten zeigen zudem, dass funktionelle Defizite, Spastik und eingeschränkte Beweglichkeit im Verlauf stärker mit HSS assoziiert sein können, während einzelne sonografische Läsionen das Schmerzausmaß allein nicht zuverlässig erklären [7].
Strukturelle Auffälligkeiten an der betroffenen Schulter sind zwar häufig, besitzen jedoch nicht zwangsläufig unmittelbare Kausalität für die Schmerzsymptomatik. Auch schmerzfreie hemiplegische Schultern können sonografische Veränderungen aufweisen, sodass apparative Befunde stets zusammen mit dem klinischen Muster interpretiert werden sollten [1,5,7].
Für die klinische Praxis ist ein multimodales Assessment angezeigt, das Schmerzintensität in Ruhe und Bewegung, passive und aktive Beweglichkeit, Schulter-Subluxation, Motorik, Spastik, Sensibilität, Alltagsfunktion und psychosoziale Einflussfaktoren erfasst. Eine aktuelle Scoping-Review identifizierte 29 unterschiedliche Erhebungsmethoden in HSS-Studien und zeigte, dass Schmerzskalen, Beweglichkeitsmaße, Fugl-Meyer-basierte Verfahren und die Beurteilung von Subluxationen bevorzugt kombiniert werden sollten, anstatt sich auf ein einzelnes Instrument zu stützen [5].
Kinematik und Bewegungskontrolle
Die Schulterfunktion beruht auf dem koordinierten Zusammenspiel von Rumpf, Scapula, Glenohumeralgelenk und distaler Armfunktion. Nach Schlaganfall führen Rumpfasymmetrien, reduzierte posturale Kontrolle, Parese, veränderter Muskeltonus und sensorimotorische Defizite häufig zu einer gestörten Scapulothorakal- und Glenohumeralkinematik. Daraus resultieren Fehlbelastungen, verminderte propriozeptive Rückmeldung und eine erhöhte Vulnerabilität für schmerzhafte Bewegungsmuster [3,10].
Studien zur neuromuskulären Kontrolle weisen bei HSS auf Veränderungen der Aktivierungssequenz und des Timings scapulastabilisierender Muskulatur hin. Insbesondere Verzögerungen der Serratus-anterior- und Trapezius-Aktivität können mit schmerzhaften Bewegungsmustern assoziiert sein, was die Relevanz einer funktionsorientierten Analyse von Scapulastellung, Rumpfanbindung und Bewegungsqualität unterstreicht [10].
Therapeutisch relevant ist, dass nicht jede beobachtete Abweichung per se pathologisch im engen Sinne zu interpretieren ist; einzelne Anpassungen können vorübergehend kompensatorischen Charakter besitzen. Ziel der Rehabilitation ist daher nicht die schematische Normalisierung jeder kinematischen Abweichung, sondern die Wiederherstellung möglichst schmerzarmer, funktioneller und reproduzierbarer Bewegungsstrategien [3,4,10].
Behandlung
Aktuelle Leitlinien und Evidenzsynthesen sprechen für ein gestuftes, multimodales Management. Zu den zentralen Komponenten zählen die frühe Prävention durch sichere Lagerung und atraumatische Handhabung, schmerzarme Mobilisation, die Förderung aktiver Motorik und funktioneller Armnutzung sowie – in Abhängigkeit vom klinischen Mechanismus – die Ergänzung durch physikalische, pharmakologische oder interventionelle Maßnahmen [3,4,6]. Die Evidenzbasis bleibt insgesamt heterogen; vergleichsweise konsistent zeigen sich Vorteile individualisierter Therapieprogramme und ausgewählter adjuvanter Verfahren bei klarer Indikationsstellung.
Medikamentöse und interventionelle Therapie
Die Auswahl medikamentöser und interventioneller Verfahren sollte am dominierenden Schmerzmechanismus ausgerichtet sein. Bei spastikassoziierten Schmerzen können fokale Botulinumtoxin-Anwendungen indiziert sein, während bei lokaler entzündlicher, subakromialer oder periartikulärer Problematik Injektionstherapien erwogen werden können. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse berichtet für Injektionstherapien kurz- bis mittelfristige Vorteile hinsichtlich Schmerzreduktion und Beweglichkeit, sofern diese in ein rehabilitatives Gesamtkonzept eingebettet werden [11]. Für zentrale Post-Stroke-Schmerzen ist die Evidenz derzeit am stärksten für Amitriptylin, Duloxetin und bestimmte neuromodulatorische Verfahren, insbesondere rTMS, wenngleich die Datenlage weiterhin durch methodische Heterogenität begrenzt ist [2, 8].
Da HSS in der Regel multifaktoriell bedingt sind, sollte die Behandlung nicht auf eine isolierte Einzelmaßnahme reduziert werden. Entscheidend ist vielmehr die Kombination aus mechanismenorientierter Ursachenanalyse, Priorisierung der beeinflussbaren Faktoren und regelmäßiger Reevaluation. Von besonderer Relevanz sind der Zeitpunkt des Schmerzbeginns, schmerzprovokante Bewegungen, Zeichen von Spastik, Subluxation, kapsulärer Beteiligung oder CRPS sowie die alltagsrelevanten funktionellen Zielsetzungen der betroffenen Person [3–6, 8].
Für die klinische Entscheidungsfindung ist eine strukturierte Problemformulierung erforderlich. Im Zentrum stehen die Einordnung der wahrscheinlich dominierenden Schmerzmechanismen, die Analyse des Beitrags von Haltung, Schulter-Subluxation, Scapuladyskinesie, Spastik und eingeschränkter Beweglichkeit sowie die Frage, welche aktiven, schmerzarmen Bewegungen und funktionellen Aktivitäten aktuell therapeutisch nutzbar sind. Darauf aufbauend ist zu prüfen, welche edukativen, physikalischen, therapeutischen oder interventionellen Maßnahmen dem individuellen Befund am ehesten entsprechen [3–6, 8].
Die veränderte Kinematik nach Schlaganfall resultiert aus dem Zusammenwirken primärer neurologischer und sekundärer muskuloskelettaler Störungen. Für die Therapieplanung ist daher zu klären, ob die Hauptlimitation überwiegend durch Schmerz, Tonuserhöhung, reduzierte Flexibilität, verminderte Kraft, Ausdauerdefizite, Koordinationsstörungen, sensible Defizite, Aufmerksamkeitsstörungen oder durch eine Kombination dieser Faktoren bestimmt wird. Hieraus leitet sich ab, ob initial Lagerung, Tonusmanagement, manuelle Mobilisation, aktive Kontrolle, progressiver Belastungsaufbau oder edukative Interventionen im Vordergrund stehen sollten [3–6, 10].
Praktische Implikationen für das klinische Management
Aus therapeutischer Perspektive ist die Schulter nicht isoliert, sondern als Teil einer funktionellen Bewegungskette zu betrachten, in der Rumpfkontrolle, Scapulaführung und glenohumerale Ausrichtung eng miteinander interagieren. Eine stabile und zugleich adaptive Rumpfkontrolle bildet die Grundlage funktioneller Armbewegungen, während Fehlstellungen und Subluxationen Mechanik, Propriozeption und Muskelaktivierung relevant beeinflussen können. Zugleich ist zu berücksichtigen, dass nicht jede strukturelle Auffälligkeit unmittelbar schmerzursächlich ist; ausschlaggebend bleibt ihre funktionelle Relevanz im klinischen Kontext. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit früher Aufklärung, schmerzarmer Aktivität und einer konsequent atraumatischen Handhabung des betroffenen Arms als zentrale Elemente von Prävention und Therapie [3, 4, 10].
Wenn HSS wesentlich durch veränderte Kinematik und reduzierte motorische Kontrolle geprägt sind, sollten therapeutische Entscheidungen primär an Bewegungsqualität, funktioneller Belastbarkeit und der schrittweisen Erweiterung schmerzarmer Bewegungsoptionen ausgerichtet werden [3, 4, 10].
In diesem Zusammenhang sind Haltung und Bewegung funktionell untrennbar miteinander verbunden. Klinisch sinnvoll ist es, frühzeitig schmerzfreie oder schmerzarme Bewegungswege zu identifizieren und systematisch therapeutisch zu nutzen. Häufig ist die aktive Kontrolle der Scapula sowie eine möglichst günstige Glenohumeralstellung bedeutsamer als eine isoliert vergrößerte passive Beweglichkeit. Belastungssteigerungen sollten daher dosiert, funktionsorientiert und eng an die beobachtete Bewegungsqualität gekoppelt erfolgen. Darüber hinaus verdienen psychologische und verhaltensbezogene Einflussfaktoren des Schmerzes ebenso Beachtung wie biomechanische Befunde [2–4, 10].
Klinisch gilt, dass Interventionen nicht allein strukturbasiert, sondern hypothesengeleitet und verlaufsorientiert geplant werden sollten. Neben dem strukturellen und motorischen Befund sind daher auch Schmerzverhalten, Ängste, Vermeidungsstrategien und die Belastbarkeit des sozialen Umfelds systematisch zu berücksichtigen [2–5].
Insbesondere in der Frühphase besitzen schmerzarme Lagerungsvarianten, alltagsnahe Positionierungen und sichere Transferstrategien hohe klinische Relevanz. Bereits kleinere Verbesserungen von Schlaf, Sitzposition, Armführung und aktiver Mitbewegung können die Schmerzaktualität reduzieren und den weiteren Rehabilitationsverlauf günstig beeinflussen [3, 4, 6].
Die Umsetzung therapeutischer Ziele in eine wirksame Intervention bleibt anspruchsvoll. Manuelle Verfahren, schmerzarme Mobilisation, Tonusregulation, Training von Kraft und Ausdauer sowie funktionelle Übungsprogramme können sinnvoll sein, sofern sie sorgfältig dosiert und am individuellen Befund ausgerichtet werden [3, 4, 6]. Entscheidend ist, dass Mobilisation nicht schmerzprovokant und aktives Üben nicht kompensatorisch überfordernd gestaltet wird.
Training zur Verbesserung von Muskelkraft, Koordination und Belastbarkeit ist grundsätzlich bedeutsam und sollte möglichst früh funktionell eingebettet erfolgen. Voraussetzung hierfür ist eine geeignete Ausgangsstellung mit möglichst günstiger Gelenkausrichtung. Für die klinische Praxis bedeutet dies, Bewegungsqualität und Kontext höher zu gewichten als rein quantitative Wiederholungszahlen [3, 4, 10].
Eine tragfähige Grundlage der Behandlung bilden Haltungsaufbau, Rumpfstabilität, eine günstige Scapula- und Glenohumeralstellung sowie die Aktivierung der Muskulatur, die das Schulterblatt führt und stabilisiert. Diese Voraussetzungen erleichtern die spätere funktionelle Integration der Armbewegung und sind insbesondere bei kinematisch geprägten Beschwerdebildern von zentraler Bedeutung [3, 4, 10].
Ein wesentlicher Bestandteil jeder Behandlung ist die Vermittlung konkreter Selbstmanagement-Strategien. Hierzu zählen das Erkennen schmerzprovokativer Positionen, der sichere Umgang mit dem betroffenen Arm, adäquate Heimübungen sowie ein realistisches Verständnis von Belastungssteuerung und Erholung [3, 4, 6].
Inaktivität sollte vermieden werden; zugleich muss Bewegung so angepasst werden, dass bestehende Schmerzen nicht perpetuiert werden. Häufig ist es sinnvoll, zunächst schmerzarme Bewegungsformen über eine verbesserte Rumpf- und Scapulaführung zu etablieren und erst anschließend komplexere Armbewegungen aufzubauen [3, 4, 10].
Der therapeutische Einstieg über schmerzarme Bewegungserfahrungen ist klinisch bedeutsam, da er das Vertrauen in die betroffene Extremität stärkt, Schonverhalten reduziert und die Grundlage für einen progressiven Belastungsaufbau schafft [3,4].
Je früher HSS erkannt und gezielt behandelt werden, desto günstiger sind in der Regel die therapeutischen Aussichten. Bei chronischen Verläufen treten häufig sekundäre Kompensationen sowie zusätzliche muskuläre und kapsuläre Einschränkungen hinzu, wodurch die Behandlung komplexer und langwieriger wird [1, 3, 7].
Zusammenfassend
erfordern hemiplegische Schulterschmerzen ein hypothesengeleitetes, interdisziplinäres und longitudinales Management. Die gegenwärtige Evidenz stützt vor allem ein individualisiertes Vorgehen, das Schmerzmechanismus, Funktion, Bewegungskontrolle, Kontextfaktoren und patientenspezifische Zielsetzungen integriert [3–6]. Zukünftige Forschung sollte standardisierte Definitions- und Assessmentansätze sowie differenziertere klinische Phänotypisierungen entwickeln, um die therapeutische Entscheidungsfindung weiter zu präzisieren [5].
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