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Lateropulsion nach Schlaganfall – Eine neue klinische Roadmap

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Lateropulsion nach Schlaganfall – Eine neue klinische Roadmap

NEKU, Anbieter Fort- und Weiterbildungen.
Lateropulsion nach Schlaganfall – Eine neue klinische Roadmap

„Babyar S, Sheehan N, Nolan J, Edwards TGS, Bergmann J, Meyer A, O'Dell MW. A clinical roadmap for lateropulsion after stroke based on a realist review strategy.“

Lateropulsion (auch „contraversive pushing“ „Pusher Syndrom“ oder „P-Symptomatik“) beschreibt ein typisches Verhalten nach Schlaganfall:
Patientinnen und Patienten drücken aktiv zur paretischen Seite und widersetzen sich der Korrektur zur Mittellinie. Eine objektiv aufrechte Position fühlt sich für sie falsch an.

Die Review von Babyar et al. (2026, Clinical Rehabilitation) hat das Ziel verfolgt, dieses Phänomen systematisch zu erklären – und daraus eine klinische Entscheidungsstruktur abzuleiten.

Worum geht es denn eigentlich in der Studie?

Die Autorinnen und Autoren haben einiges an Daten gesammelt und analysiert. Es wurden gesamt: 4 systematische Reviews, 1 Scoping Review und 39 weitere Studien zusammengeführt und ein sogenanntes Kontext–Mechanismus–Outcome-Modell entwickelt.

Die zentrale Frage war: „Welche Mechanismen liegen Lateropulsion zugrunde – und wie sollte Therapie darauf abgestimmt werden?

Was waren die zentralen Ergebnisse?

1. Lateropulsion ist keine reine Gleichgewichtsstörung
Neuroimaging-Daten zeigen, dass Lateropulsion entsteht, durch eine Störung eines verteilten Netzwerks zur Körperorientierung. Beteiligt sind unter anderem Folgende Strukturen des ZNS: posteriorer Thalamus, parietale Areale, Insula und frontoparietale Verbindungen.
Fazit: Es handelt sich um eine Störung der multisensorischen Integration.

2. Die Wahrnehmung der Vertikale ist verschoben
Ein zentraler Mechanismus ist die veränderte posturale Vertikalitätswahrnehmung. Vorrangig bei dieser Patientengruppe ist, dass die posturale Vertikale häufig verschoben ist und die visuelle Vertikale kann betroffen sein, aber nicht muss. Diese Differenzierung ist entscheidend für die Therapieplanung.

3. Schweregrad beeinflusst die Prognose
Schwere Lateropulsion ist assoziiert mit einem längeren stationären Aufenthalt, höherer Abhängigkeit von externen Personen und Faktoren sowie einer verzögerten Erholung. Persistenz nach 30 Tagen, Neglect oder schwere Paresen verschlechtern die Prognose zusätzlich.

4. Assessment sollte standardisiert erfolgen und konsequent durchgeführt werden
Die Review empfiehlt folgende Assessments:
• Burke Lateropulsion Scale (BLS)
• Scale for Contraversive Pushing (SCP)
Ziel ist eine objektive Baseline, um den Verlauf standartisiert zu dokumentieren, Rehabilitationsdauer abzuschätzen zu können sowie die weitere Planung zu unterstützen.

5. Therapie sollte systemorientiert sein
Die wichtigste Botschaft der Review: Es gibt keine universelle „Technik“. Die Interventionen sollen am besten direkt am gestörten System ansetzen.
Genannt werden, visuell-sensormotorische Integration, somatosensorisches Cueing, intensives Upright-Training sowie Robotik- oder Orthesen gestützte Mobilisation. Immer unter Beachtung von möglichen Begleitdiagnosen. Das daraus entstandene Entscheidungsmodell verknüpft Läsion, Schweregrad, sensorische Verarbeitung und Intervention.


Was bedeutet das konkret für die Praxis?

1. Weg vom „Motorik-Problem“. -> Mechanismus verstehen, bevor „irgendetwas“ trainiert wird

Wenn Lateropulsion primär eine Störung der Vertikalitätsverarbeitung ist, dann ist „mehr Rumpftraining“ keine ausreichende Erklärung oder Lösung.

Also müssen wir bevor wir Rumpfstabilität trainieren, Gewichtsverlagerungen üben, Sitz- oder Standtraining durchführen. Deswegen soll klar sein:

Drückt der Patient aus Schwäche oder weil sich „aufrecht“ falsch anfühlt?

Wenn die interne Referenz verschoben ist, wird jede motorische Korrektur als Bedrohung wahrgenommen. Der Patient „wehrt“ sich nicht, er kompensiert seine Wahrnehmung.

Für die Praxis:

• Korrekturen gegen die subjektive Vertikale erzeugen Widerstand.
• Rein motorisches Training ohne Wahrnehmungsarbeit kann ineffektiv bleiben.

2. Vertikalität testen und nicht raten

Die Review betont die Differenzierung zwischen der Posturaler Vertikalen (Körperbezogene Wahrnehmung) und der Visuellen Vertikalen. Diese Unterscheidung muss Teil der Befundung sein.

A) Erfassung des Schweregrads der Lateropulsion:



B) Testung der Vertikalitätswahrnehmung

Die Review betont, dass nicht jeder Patient mit Lateropulsion die gleiche Störung hat.



3. Schweregrad früh erfassen – Prognose aktiv steuern

Die Review zeigt klar, dass schwere Lateropulsion assoziiert ist mit längeren Aufenthalten in der Akutphase, höherer Pflegeabhängigkeit sowie verzögerter funktioneller Erholung.

Empfehlung:

Bereits in der Frühphase sollte die BLS oder SCP als Basis-Assessment angewendet und dokumentiert werden. Im Verlauf sollte in festen Intervallen erneut getestet und dokumentiert werden.

Für die Praxis:

Hoher Schweregrad

• Engmaschige Sicherung
• Höhere Therapiedichte
• Realistische Zieldefinition
• Frühzeitige Angehörigenaufklärung

Moderater Schweregrad

• Aktives Upright-Training
• Intensives Transfertraining
• Sturzprävention im Fokus

Niedriger Schweregrad

• Schnellere Integration in funktionelles Training
• Fokus auf komplexe Mobilität

Quelle:
(1) Babyar S, Sheehan N, Nolan J, Edwards TGS, Bergmann J, Meyer A, O'Dell MW. A clinical roadmap for lateropulsion after stroke based on a realist review strategy. Clin Rehabil. 2026 Feb 17:2692155261418609. doi: 10.1177/02692155261418609. Epub ahead of print. PMID: 41700998.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41700998/





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