Parkinson-Therapie nach Hoehn & Yahr: Warum das Krankheitsstadium die Therapieziele verändern muss
Veröffentlicht von Andreas Schedl in Therapie · Montag 29 Jun 2026 · 7 Minuten
Tags: Parkinson, Therapie, Hoehn, &, Yahr, Krankheitsstadium, Therapieziele, Parkinson, Therapie, neurologische, Erkrankungen, Behandlung, Fortschritt, Patientenversorgung
Tags: Parkinson, Therapie, Hoehn, &, Yahr, Krankheitsstadium, Therapieziele, Parkinson, Therapie, neurologische, Erkrankungen, Behandlung, Fortschritt, Patientenversorgung
Parkinson-Therapie nach Hoehn & Yahr:
Warum das Krankheitsstadium die Therapieziele verändern muss
Einleitung
Die Hoehn-und-Yahr-Skala ist kein vollständiges Therapiekonzept. Aber sie ist ein nützliches Werkzeug, um den Krankheitsverlauf bei Parkinson grob zu verstehen und Therapieziele sinnvoll anzupassen.
In frühen Stadien sollte Therapie aktivierend, präventiv und trainingsorientiert sein. In mittleren Stadien werden Gleichgewicht, Gang, Transfers, ADL, Cueing und Sturzprävention entscheidend. In fortgeschrittenen Stadien geht es zunehmend um Sicherheit, Hilfsmittel, Pflegeerleichterung, Komplikationsprophylaxe und Lebensqualität.
Gute Parkinson-Therapie bedeutet deshalb nicht: ein Standardprogramm für alle.
Gute Parkinson-Therapie bedeutet, das Stadium verstehen, den Menschen individuell befunden und die Therapie konsequent an Alltag, Funktion und Krankheitsverlauf anpassen.
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Parkinson ist keine Erkrankung, die bei allen Menschen gleich verläuft. Manche Patient:innen bleiben über viele Jahre relativ selbstständig, andere entwickeln früher deutliche Probleme beim Gehen, beim Gleichgewicht, bei Alltagsbewegungen oder in der Selbstversorgung.
Eine hilfreiche Orientierung bietet die Hoehn-und-Yahr-Skala. Sie teilt das Parkinson-Syndrom grob in verschiedene Krankheitsstadien ein. Dabei geht es vor allem um Seitenbetroffenheit, Gleichgewicht, posturale Kontrolle, Mobilität und Selbstständigkeit. Die aktuelle deutsche S2k-Leitlinie zur Parkinson-Krankheit führt die Leitlinie als gültig bis 2028 und als zentrale deutschsprachige Orientierung für Diagnostik und Therapie der Parkinson-Krankheit.
Wichtig ist aber direkt zu Beginn: Hoehn & Yahr ersetzt keinen individuellen Befund. Zwei Patient:innen im gleichen Stadium können völlig unterschiedliche Probleme haben. Der eine stürzt häufig, die andere hat vor allem Freezing. Ein Patient ist motorisch noch relativ stabil, aber durch Fatigue, Schmerzen oder kognitive Einschränkungen stark belastet. Die Stadieneinteilung ist also ein Rahmen — nicht der Therapieplan selbst.

Stadium I: Einseitige Symptome – Therapie beginnt nicht erst bei Einschränkung
Im Stadium I zeigen sich die Symptome meist nur auf einer Körperseite. Häufig sind die funktionellen Einschränkungen noch gering. Typisch können einseitiger Tremor, reduzierte Armschwungbewegung, leichte Steifigkeit, beginnende Bradykinese oder veränderte Feinmotorik sein.
Gerade dieses frühe Stadium wird therapeutisch oft unterschätzt. Viele Patient:innen kommen noch gut durch den Alltag. Genau deshalb entsteht manchmal der Eindruck: „So viel muss man noch nicht machen.“
In frühen Stadien geht es nicht darum, Defizite zu „therapieren“, sondern vielmehr darum, Inaktivität zu verhindern und die vorhandene Leistungsfähigkeit möglichst lange zu erhalten. Die APTA Clinical Practice Guideline zur physiotherapeutischen Behandlung bei Parkinson bewertet unter anderem aerobes Ausdauertraining, regelmäßiges Krafttraining, Gleichgewichtstraining, aktives Gangtraining, aufgabenspezifisches Training und beginnendes Cueing als relevante und notwendige physiotherapeutische Interventionen. Vorliegt.
Patienten sollten früh lernen, dass Bewegung ein wichtiger und zentraler Bestandteil ihrer Therapie ist. Es geht nicht um ein bisschen „Mobilisation“ und „Physio“, sondern um echtes Training mit Steigerung der Muskelkraft, kardiopulmonaler Ausdauer, der Beweglichkeit des ganzen Körpers, Verbesserung des Gleichgewichts, möglichst große Bewegungsamplituden, sowie Gehen und Alltagsaktivität.
In dieser Phase sind die wichtigsten Ziele:
Prävention von Inaktivität.
Wer sich weniger bewegt, verliert schneller Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Selbstvertrauen. Gerade bei Parkinson kann daraus ein ungünstiger Kreislauf entstehen: weniger Aktivität, schlechtere Belastbarkeit, mehr Unsicherheit, noch weniger Aktivität.
Erhalt und Verbesserung der motorischen Leistungsfähigkeit.
Kraft, Gelenkbeweglichkeit, Ausdauer, Gleichgewicht und Bewegungsamplitude sollten aktiv trainiert werden. Nicht erst dann, wenn deutliche Einschränkungen auftreten.
Aufbau eines aktiven Lebensstils.
Therapie darf nicht nur in der Praxis stattfinden. Entscheidend ist, ob Bewegung in den Alltag kommt: Spazierengehen, Treppen, Heimübungen, Training, Gruppensport, Radfahren, Tanzen, Nordic Walking oder andere passende Bewegungsformen.
Einbezug des persönlichen Umfelds.
Angehörige, Hobbys, Wohnsituation, Beruf und Alltag müssen früh mitbedacht werden. Parkinson-Therapie ist erfolgreicher, wenn sie nicht isoliert als Übungsprogramm verstanden wird, sondern als langfristige Bewegungsstrategie.
Stadium II: Beidseitige Symptome – noch ohne relevante Gleichgewichtsstörung
Im Stadium II treten Symptome auf beiden Körperseiten auf. Das bedeutet aber nicht automatisch schwere Einschränkung. Viele Patient:innen sind weiterhin selbstständig, bemerken aber zunehmende Verlangsamung, reduzierte Bewegungsamplitude, mehr Steifigkeit oder mehr Anstrengung bei Alltagsbewegungen.
Therapeutisch bleibt der Fokus aktivierend. Zusätzlich wird es wichtiger, Bewegungen bewusster, größer und alltagsnäher zu trainieren.
Der entscheidende Punkt ist, in Stadium II sollte die Therapie nicht passiver werden, sondern spezifischer.
Stadium III: Der Wendepunkt – Gleichgewicht und Sturzrisiko rücken in den Mittelpunkt
Gleichgewicht, Haltereaktionen und reaktive Stabilität sind zunehmend gestört. Das Sturzrisiko steigt. Viele Patient:innen merken das nicht nur beim Gehen auf gerader Strecke, sondern vor allem in Alltagssituationen. Ab diesem Stadium reicht allgemeines Üben häufig nicht mehr aus. Therapie muss konkreter werden.
Die wichtigsten Ziele sind jetzt:
Sturzprävention.
Das bedeutet nicht nur „Gleichgewicht üben“. Es bedeutet: Schrittstrategien, Gewichtsverlagerung, Reaktionen, Richtungswechsel, Hindernisse, Transfers, Drehen, Dual-Task-Situationen und Risikoverhalten trainieren.
Reduktion von ADL-Einschränkungen.
ADL bedeutet Aktivitäten des täglichen Lebens. Dazu gehören Waschen, Anziehen, Essen, Toilettengänge, Kochen, Haushalt, Einkaufen, Arbeiten und Hobbys. NICE empfiehlt bei Parkinson eine Überweisung zur Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie, wenn Probleme mit Balance, Motorik, Aktivitäten des täglichen Lebens, Kommunikation, Schlucken oder Speichelkontrolle bestehen.
Training von Bewegungsübergängen.
Viele Probleme entstehen nicht in der Bewegung selbst, sondern beim Übergang: vom Sitzen zum Stehen, vom Stehen zum Gehen, vom Gehen zum Drehen, vom Liegen zum Sitzen, vom Gehen zum Stoppen.
Gangtraining.
Schrittlänge, Gehgeschwindigkeit, Armschwung, Rumpfrotation, Starthemmung, Freezing, Richtungswechsel und sicheres Gehen unter Ablenkung müssen gezielt trainiert werden.
Haltung und Aufrichtung.
Eine zunehmend gebeugte Haltung verändert Blickrichtung, Atmung, Gleichgewicht, Rumpfbeweglichkeit, Schrittverhalten und Armfunktion. Haltungstraining ist deshalb nicht „Kosmetik“, sondern funktionelles Training.
Stadium II bis IV: Strategien werden wichtiger als reine Übungsausführung
In den mittleren Stadien muss Therapie stärker strategisch werden. Parkinson beeinträchtigt nicht nur Kraft oder Beweglichkeit. Viele automatische Bewegungsabläufe werden schwieriger. Was früher nebenbei funktioniert hat, muss plötzlich bewusst geplant werden.
Hier kommen Bewegungsstrategien und Cueing ins Spiel. Cueing bedeutet, Bewegung durch äußere oder innere Reize zu erleichtern. Das können akustische, visuelle, taktile oder verbale Hinweise sein.
Praktisch heißt das:
Ein Patient mit Freezing braucht nicht einfach mehr Beintraining. Er braucht konkrete Strategien für Türschwellen, enge Räume, Drehen, Starthemmung und Stresssituationen. Eine Patientin mit Stürzen braucht nicht nur Kraftübungen.
Sie braucht ein progressives Gleichgewichts- und Reaktionstraining, Sicherheitsstrategien, Hilfsmittelprüfung und Alltagstraining.
Ein Patient mit Problemen beim Anziehen braucht nicht nur Schulterbeweglichkeit.
Er braucht aufgabenspezifisches Training, eventuell Ergotherapie, Anpassung der Abläufe und geeignete Hilfsmittel.
Die Therapie muss also weg von allgemeinen Übungslisten und hin zu konkreten Alltagsproblemen.
Stadium IV: Schwere Einschränkung – Selbstständigkeit sichern, Überforderung vermeiden
Im Stadium IV ist die Symptomatik deutlich fortgeschritten. Viele Patient:innen benötigen Hilfe bei Aktivitäten des täglichen Lebens. Gehen und Stehen können noch möglich sein, aber oft nur mit Unterstützung, Hilfsmittel oder unter erhöhter Sturzgefahr.
Das Ziel ist nicht, mit unrealistischen Versprechen Mobilität „zurückzuholen“. Ziel ist, vorhandene Funktionen bestmöglich zu nutzen, Sicherheit zu erhöhen und Überforderung zu vermeiden.
NICE (National Institute for Health and Care Excellence - guideline) beschreibt Parkinson-Management ausdrücklich als Versorgung über den Verlauf hinweg und berücksichtigt neben motorischen Problemen auch Alltagsaktivitäten, Kommunikation, Schlucken und palliative Aspekte. In diesem Stadium wird interdisziplinäre Arbeit besonders wichtig: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Pflege, Ärzt:innen, Angehörige und Hilfsmittelversorgung müssen zusammenarbeiten.
Stadium V: Pflegebedürftigkeit – Therapie bleibt wichtig, aber mit anderer Zielsetzung
Die Studienlage zu aktivem Training betrifft vor allem frühe und mittlere Stadien. Für sehr fortgeschrittene Parkinson-Stadien ist die direkte Evidenz für klassische Trainingsinterventionen deutlich schwächer. Die APTA-Leitlinie weist selbst darauf hin, dass die aktuelle Evidenz besonders stark für frühe bis mittlere Krankheitsstadien ist. Das heißt aber nicht, dass aktive Therapie in Stadium V unwichtig wird!
Erhalt der Vitalfunktionen.
Lagewechsel, Atemunterstützung, Kreislaufanregung, Mobilisation im Rahmen der Möglichkeiten und Aktivierung vorhandener Ressourcen.
Dekubitusprophylaxe.
Positionierung, Druckentlastung, Sitz- und Lagerungsmanagement, regelmäßige Lagewechsel und Beratung der Pflegepersonen.
Kontrakturprophylaxe.
Erhalt von Beweglichkeit, Vermeidung dauerhafter Fehlstellungen, aktiv-assistive oder passive Bewegungen und sinnvolle Lagerung.
Aktiv-assistives Bewegen.
Alles, was Patient:innen noch aktiv beitragen können, sollte genutzt werden. Der Fehler wäre, zu früh alles passiv zu übernehmen.
Hilfsmitteleinsatz.
Rollstuhlversorgung, Pflegebett, Transferhilfen, Lagerungshilfen, Sitzanpassung und Kommunikationshilfen sind keine Zeichen von Aufgeben. Sie sind oft Voraussetzung für Sicherheit, Pflegeerleichterung und Lebensqualität.
In Stadium V steht nicht mehr Leistungssteigerung im Vordergrund, sondern Schutz, Erhalt, Lebensqualität und Entlastung des Umfelds.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). S2k-Leitlinie Parkinson-Krankheit. AWMF-Registernummer 030/010.
- National Institute for Health and Care Excellence. (2017). Parkinson’s disease in adults: Diagnosis and management. NICE guideline NG71.
- National Institute for Health and Care Excellence. (2018). Parkinson’s disease: Quality standard QS164.
- Osborne, J. A., Botkin, R., Colon-Semenza, C., et al. (2022). Physical Therapist Management of Parkinson Disease: A Clinical Practice Guideline From the American Physical Therapy Association. Physical Therapy.
- ParkinsonNet/KNGF. (2014). European Physiotherapy Guideline for Parkinson’s Disease.
