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Vom Zufallsbefund zur Diagnose: Was bedeuten RIS und KIS?

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Vom Zufallsbefund zur Diagnose: Was bedeuten RIS und KIS?

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Vom Zufallsbefund zur Diagnose: Was bedeuten RIS und KIS?
Das Radiologisch isolierte Syndrom
Das radiologisch isolierte Syndrom (RIS) ist ein präklinisches Stadium der Multiplen Sklerose und wird meist zufällig bei der Abklärung anderer Beschwerden, etwa Migräne, entdeckt. Da noch keine MS-typischen Symptome vorliegen und nicht alle Betroffenen später eine MS entwickeln, handelt es sich beim RIS nicht um eine manifeste MS. In der zerebralen MRT zeigen sich Läsionen, die für Multiple Sklerose typisch sind, aber keine klinischen Beschwerden verursachen.
In einer multizentrischen RIS-Kohorte entwickelten nach 10 Jahren 51 % von 451 Patient*innen erste klinische Symptome (Lebrun-Frenay et al., 2020). Bekannte Risikofaktoren sind ein Alter unter 37 Jahren, oligoklonale Banden im Liquor, infratentorielle oder spinale MRT-Läsionen sowie kontrastmittelaufnehmende Läsionen. Liegen mehrere dieser Faktoren vor, steigt das Risiko, an MS zu erkranken, auf nahezu 90 % (Lebrun-Frénay et al., 2021).

Randomisierte klinische Studien zeigen, dass MS-Medikamente bei RIS das Risiko klinischer Ereignisse deutlich senken können: Teriflunomid verringerte das MS-Risiko im Verlauf um 72 %, während Dimethylfumarat das Auftreten klinischer Ereignisse um mehr als 80 % verzögerte (Okuda, 2023).

Laut Leitlinie sollte in diesem Stadium dennoch keine Therapie eingeleitet werden. Derzeit ist daher kein Immuntherapeutikum für diese Indikation zugelassen. Empfohlen werden regelmäßige MRT-Kontrollen und ein abwartendes Vorgehen.

Das klinisch isolierte Syndrom
Das Klinisch Isolierte Syndrom (KIS) bezeichnet ein erstes, einmaliges neurologisches Ereignis, das durch eine akute oder subakute entzündliche Demyelinisierung im zentralen Nervensystem ausgelöst wird. Typisch ist ein plötzlicher Symptombeginn mit einer Dauer von mindestens 24 Stunden. Für die Einordnung als KIS müssen Fieber, Infektionen und andere systemische Stoffwechselstörungen als Ursache ausgeschlossen sein.

Das KIS gilt als ein Frühstadium der Multiplen Sklerose und weniger als vollständig eigenständige Krankheitsentität. Dennoch gilt: Nicht jedes KIS führt zwangsläufig in eine chronisch-progrediente Multiple Sklerose. Zwar stellt es ein potenzielles Vorstadium dar, ein Teil der Betroffenen zeigt jedoch monophasische Verläufe ohne weitere Krankheitsaktivität im Langzeitverlauf.

Die klinischen Beschwerden der Betroffenen sind direkt abhängig von der topografischen Lokalisation des entzündlichen Herdes im ZNS. Klassische Symptome sind:
  • Optikusneuritis (Sehnerventzündung): Meist einseitige Sehverminderung, begleitet von retrobulbären Bewegungsschmerzen und Störungen des Farbsehens.
  • Sensibilitätsstörungen: Hypästhesien, Parästhesien oder Dysästhesien an den Extremitäten oder dem Rumpf.
  • Motorische und zerebelläre Auffälligkeiten: Paresen (Schwäche in Beinen oder Armen), Gang- und Standunsicherheiten sowie Koordinationsstörungen.

Diagnostik

Bei einem KIS dient die Diagnostik vor allem dazu, eine definitive Multiple Sklerose zu bestätigen oder alternative Differenzialdiagnosen auszuschließen. Grundlage sind die McDonald-Kriterien. Ergänzend kommen standardisierte apparative Verfahren zum Einsatz, insbesondere die MRT von Gehirn und Rückenmark sowie die Liquoruntersuchung mittels Lumbalpunktion.

Die Diagnose KIS wird dann gestellt, wenn der paraklinische Nachweis für eine MS (noch) unvollständig ist. Dies trifft auf zwei Kernpunkte zu:
  1. Fehlende räumliche Dissemination: Im MRT lassen sich keine weiteren, älteren oder stummen Entzündungsherde in anderen ZNS-Regionen nachweisen.
  2. Fehlende zeitliche Dissemination & negativer Liquor: Weder im MRT finden sich Anzeichen für Entzündungsschübe zu unterschiedlichen Zeitpunkten, noch lassen sich im Nervenwasser spezifische Entzündungsmarker (oligoklonale Banden) nachweisen.

Epidemiologische Daten belegen, dass ca. 85 % aller Patientinnen und Patienten mit einer schubförmigen Multiplen Sklerose primär ein Klinisch Isoliertes Syndrom aufwiesen. Rückblickend zeigten somit fast 9 von 10 MS-Erkrankten zu Beginn ein KIS, bevor apparative Befunde oder ein zweiter Schub die Diagnose sicherten (Miller, 2005).

Das individuelle Risiko eine MS zu entwickeln, korreliert maßgeblich mit den initialen Befunden in der MRT-Bildgebung. Sind die Aufnahmen völlig unauffällig, ist das Risiko, später an MS zu erkranken eher niedrig (20%). Liegen zusätzliche stumme Läsionen vor, steigt das Erkrankungsrisiko jedoch auf 60-80% (Thompson et al., 2017).


Quellen
Das Radiologisch isolierte Syndrom
  • Hemmer B. et al., Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen, S2k-Leitlinie, 2023, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 01.11.2023)
  • Lebrun-Frenay C, Kantarci O, Siva A et al.; 10-Jahres-RISC-Studiengruppe im Namen von SFSEP, OFSEP. Radiologisch isoliertes Syndrom: 10-Jahres-Risikoschätzung für ein klinisches Ereignis. Ann Neurol. 2020 Aug;88(2):407-417. doi: 10.1002/ana.25799. Epub 2020 Jun 29. PMID: 32500558.
  • Lebrun-Frénay C et al. Risk Factors and Time to Clinical Symptoms of Multiple Sclerosis Among Patients With Radiologically Isolated Syndrome. JAMA Netw Open. 2021 Oct 1;4(10):e2128271
  • Lebrun-Frénay C, Siva A et al.; TERIS-Studiengruppe. Teriflunomid und die Zeit bis zum Auftreten einer klinischen Multiplen Sklerose bei Patienten mit radiologisch isoliertem Syndrom: Die randomisierte klinische TERIS-Studie. JAMA Neurol. 2023 Okt 1;80(10):1080-1088. doi: 10.1001/jamaneurol.2023.2815. PMID: 37603328; PMCID: PMC10442780.
  • Okuda DT et al. Dimethyl fumarate delays multiple sclerosis in radiologically isolated syndrome. Ann Neurol. 2023; 93(3):604–614

Das klinisch isolierte Syndrom
  • Hemmer B., Gehring K. et al. Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) und MOG-IgG-assoziierten Erkrankung (MOGAD), S2k-Leitlinie, 2026, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 26.07.2026)
  • Miller, D., Barkhof, F., Montalban, X. et al . Clinically isolated syndromes suggestive of multiple sclerosis, part I: natural history, pathogenesis, diagnosis, and prognosis.  Lancet Neurol. 2005;  4 281-288
  • Platten, M., Lanz, T., Bendszus, M. et al. Klinisch isoliertes Syndrom. Nervenarzt 84 , 1247–1259 (2013). https://doi.org/10.1007/s00115-013-3845-1
  • Schippling, S., Differenzialdiagnose und Therapie eines CIS, 2009, Aktuelle Neurologie, 36: S239-S241
  • 5. Thompson AJ et al.: Diagnosis of multiple sclerosis: 2017 revisions of the McDonald criteria. In: The Lancet Neurology, 2018




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